Weiß – nicht immer makellos

Maiglöckchen kann man sich nur weiß vorstellen, obwohl es Sorten mit rosa Blüten gibt.

Die Farbe Weiß sehen wir als Summe aller Wellenlängen, die uns von der Sonne erreichen, so nehmen wir das normale Tageslicht als weiß wahr, während künstliche Lichtquellen in unseren Augen eher gelblich oder bläulich wirken. Kerzenlicht empfinden wir als rötlicher und somit als „warm“. Ein Regenschleier oder ein Glasprisma zerlegt das weiße Licht in die Spektralfarben Violett, Blau, Grün, Gelb und Rot. Den gleichen Effekt wie beim Regenbogen kann man in Wassertropfen auf Blättern wahrnehmen. Weiß sehen wir alle Oberflächen, die einfallendes Licht komplett reflektieren, während Schwarz alles Licht verschluckt.
Weiß empfinden wir als edel und rein. Jungfrauen waren früher weiß gekleidet, Bräute tragen vor dem Traualter weiße Kleider, die weiße Madonnen-Lilie steht als Symbol für die Gottesmutter Maria. Auch der Papst ist weiß gekleidet. Im Islam gilt Weiß als die Farbe der rituellen Reinheit, die Mekka-Pilger tragen weiße Gewänder. In der asiatischen Welt steht Weiß für die Reinkarnation, dadurch wird Weiß zur Farbe des Todes.

Weiß ist überall

Von fast allen gängigen Zierarten im Garten kennt man weißblühende Sorten, von Nelken, Rosen und Iris ebenso wie von Phlox, Fingerhut und Tränendem Herz. Auch vom sprichwörtlich blauen Rittersporn gibt es weiße Sorten und der Blutrote Storchschnabel Geranium sanguineum „Alba“ bildet grüne Polster mit weißen Blüten. Meist handelt es sich dabei um Albinos, Formen, denen die Fähigkeit zur Farbstoffsynthese abhanden gekommen ist.

An dunkelgrünen Zweigen sitzen bei der Bitterorange schneeweiße Blüten und bedrohliche Stacheln.

Weiße Typen sieht man in freier Natur häufig auch bei Wildblumen, so entdeckt man in Wiesen immer wieder weiße Blüten am ansonsten blaulila blühenden Wiesen-Storchschnabel. Im Gegensatz dazu blühen manche Zierpflanzen typischerweise oder ausschließlich in Weiß. Es ist die Farbe der Schneeglöckchen und des Märzenbechers. Sträucher wie die Schneebälle (Viburnum-Arten) und die Deutzien (Deutzia-Arten) bringen Blüten in weißen Trugdolden oder in Büscheln. Pflaumen und Kirschen blühen von Natur aus weiß, obwohl es Zierformen mit rosa oder pinkfarbenen Blüten gibt. Gleiches gilt für die Blumenhartriegel mit ihren ursprünglich weißen Hochblättern, bei denen manchen Auslesen eine rötliche Färbung anerzogen wurde. Auch bei den Magnolien wurden über Jahrhunderte hinweg Sorten mit immer intensiverer Purpurrottönung gezüchtet. Nur die Stern-Magnolie erstrahlt nach wie vor in klarem Weiß.
Weiß scheint im Sommer eine typische Farbe der Wiesen zu sein: Sie schäumen in der warmen Jahreszeit über mit Doldenblütlern wie Wiesen-Kümmel, Kälberkropf und Wilder Möhre. Die Blütenstände locken Insekten zu Hauf an. Die Raupen des Schwalbenschwanzes ernähren sich ausschließlich von Doldenblütlern. Lässt man im Garten die zumeist verschmähten Doldenblütler stehen, kann man Nützlinge ansiedeln und beugt damit der ungebührlichen Vermehrung mancher Pflanzenschädlinge vor. Der dekorative Wert der weißen Blütendolden wird erst allmählich erkannt. Weiß blühen viele Arten, die von nachtaktiven Tieren wie Nachtfaltern oder Fledermäusen bestäubt werden. Hier kommt es also nicht darauf an, die Bestäuber mit auffälligen Farben auf sich aufmerksam zu machen. Stattdessen entwickeln solche Arten oft intensive Düfte, die in der Abenddämmerung deutlich hervortreten.

Klares und abgetöntes Weiß

Wie bei allen anderen Farben kennt man auch vom Weiß unterschiedliche Abstufungen. Nahezu reinweiß blühen einige Kamelien und Pfingstrosen, leicht getönt, cremeweiß, dagegen sind Narzissen, während Geißbart und Salomonssiegel noch gelblicher wirken. Alle Übergänge zwischen Weiß und Zartrosa finden sich bei Magnolien, Rhododendren und Herbst-Anemonen, ebenso weisen Rosensorten alle Schattierungen zwischen Reinweiß und Rosa oder Gelb auf.

Laub mit weißer Maserung wie hier beim Kaukasusvergissmeinnicht hellt dunkle Gartenbereiche auf.

Metallisch glänzt der Blütenstand der Silberdistel, während die Edeldisteln und die Eselsdistel schon etwas bläulich schimmern. Eine Behaarung dagegen lässt den Blütenstand – wie beim Edelweiß – weißgrau erscheinen, wozu dann graues Laub von Artemisien, Salbei und Heiligenkraut hervorragend passt.
Je nach Beschaffenheit der Blütenblattoberfläche werden weiße Blüten unterschiedlich wahrgenommen. Das glänzende, feste Blatt der Lilie wirkt wächsern, Stockrosen erwecken mit ihrer kreppartigen Substanz einen fragilen Eindruck, die kleinen Blüten der Sterndolde muten fest und ein wenig borstig an. Viele kleine Blüten an großen Blütenständen wie beim Meerkohl oder dem Schleierkraut wirken dagegen wie Schaum. Einen Nachteil muss man zugeben: Auf weißen Blüten treten Schädigungen besonders deutlich hervor. Regenflecken, von Insekten gefressene Löcher, trockene Blattränder und Welkeerscheinungen wirken rascher als bei anderen Blütenfarben störend. Weil sie beim Welken so schnell verbräunen, kommen einem die weißen Blütenstände von Gehölzen wie dem Flieder immer kurzlebig und empfindlich vor.

Ausgleich und Aufheller

Weiß ist im Garten in vielerlei Hinsicht unentbehrlich. In Rabatten mit unterschiedlichen Blütenfarben verbindet Weiß zwischen den Farben.

Die Rose ‚Venusta Pendula‘ öffnet weiße Blüten aus pinkfarbenen Knospen.

Es mildert starke Gegensätze und gleicht sogar zwischen nicht sonderlich gut zusammenpassenden Farben aus. Mit Weiß als Mittler sieht ein bunt zusammengewürfeltes Beet immer noch harmonisch und gestaltet aus. Weiß kann zwischen Farben stehen, die „sich beißen“, etwa zwischen Orange und Rosa, oder es verbindet sehr gegensätzliche Farben, was sich schon im normalen Balkonkasten zeigt: Zwischen rote Pelargonien und blaue Lobelien setzt man zum Ausgleich weiße Petunien oder Zigarettenblümchen, um den Kontrast auszugleichen. In Nachbarschaft zu Weiß treten andere Farben klarer hervor. Schließlich brauchen wir Weiß zum Aufhellen schattiger Bereiche, die durch weiße Blüten und Blätter mit weißen Flecken oder Rändern lichter wirken. Deshalb sind typische Schattenstauden wie das Salomonssiegel oder die Silberkerzen so unentbehrlich. Auch Hosta-Sorten mit weißen Blatträndern hellen Schattenbereiche auf.
Weiße Blüten dürfen in Gartenbereichen, in denen man sich in der Dämmerung aufhält, nicht fehlen. Denn sie bleiben bis weit in die Nacht hinein sichtbar. Ein ausladender Horst eines weißen Phloxes mag tagsüber ziemlich banal aussehen. Doch wenn er zu Beginn des Sommers in voller Pracht blüht, strahlen vor dem nicht völlig abgedunkelten Nachthimmel die Blüten noch spät in der Nacht. Eine ähnliche Wirkung erzielen die weißen Blütenstände der Rispen- oder Garten-Hortensien. An weiße Blüten für den Herbst, wenn die Dämmerung früh hereinbricht, und ebenso für den Frühling sollte man gerade auch für den Vorgarten denken. Sie geben bei schwachem Licht noch Kontur, während Violetttöne längst schon schwarz und somit unsichtbar geworden sind. Im Frühjahr können weiße Christrosen, Krokusse und Tulpen Besucher willkommen heißen, im Herbst strahlen Herbst-Anemonen, weiße Astern und Silberkerzen.

 

Garten in Weiß und Grün

Viel Aufmerksamkeit erhält die Idee vom „weißen Garten“ in den angelsächsischen Ländern. Dort gilt ein Garten mit weißblühenden Pflanzen als Inbegriff von Eleganz. Berühmtheit erlangte der Weiße Garten von Sissinghurst, den die britische Gartenschriftstellerin Vita Sackville-West in Südost-England gestaltete und vielfach beschrieb. Hier sind die unterschiedlichsten weiß blühenden Gewächse kombiniert, Rosen und Kamelien neben gefüllten Primeln und weißen Anemonen, unterstützt von graulaubigen Arten wie dem Ziest und der ganzen Palette grüner Blattfarben.